Hören ist eine Form von Berühren und Fühlen

Evelyn Glennie ist international ein grosser Star auf dem Schlagzeug - und sie ist stark gehörbehindert. Wie geht das: Schlagzeug zu spielen ohne etwas zu hören?

Website von Evelyn Glennie: www.evelyn.co.uk


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Evelyn Glennie
(die Bilder stammen von E. Glennies Website)


Evelyn Glennie, Sie sind in mehrfacher Hinsicht eine aussergewöhnliche Person: Sie spielen Schlagzeug, sind eine Frau, dazu gehörbehindert und haben in diesem von Männern dominierten Beruf erst noch gewaltigen Erfolg. Ist Ihr Handicap unter den Musikerkollegen ein Thema?

Unter Musikerkollegen nein. Wir machen Musik zusammen und respektieren einander um des Musikmachens willen. Es gibt nie wirklich viel Zeit, um etwas anderes miteinander zu diskutieren. Es sind hauptsächlich Journalisten und andere Medienschaffende, die mich auf meine Behinderung ansprechen.
Gewöhnlich beantworte ich solche Fragen geduldig; ich behandle die Personen so, wie ich selber gerne behandelt werden möchte. Sie sind dann überrascht, wie unumständlich und normal dies ist. Männer mit Bärten bitte ich, sich zu rasieren, bevor ich mit ihnen in ein Gespräch trete.

Was bedeutet Musik für Sie?

Musik ist wie eine universelle Sprache mit vielen Dialekten. Sie kann die Sprachbarrieren überwinden; z.B. wo immer eine Trommel ist, ist Kommunikation. Es gibt keine Barriere irgendwelcher Art für ein Schlagzeug; ich kann es mit Menschen jeglicher Art und Hautfarbe teile, vom Baby bis zu älteren Personen.

Sie leiteten an den Internationalen Musikfesttagen 1999 in Luzern u.a. einen Workshop für Schülerinnen und Schüler und einen Meisterkurs für erwachsene Musiker. Mit welcher Personengruppe arbeiten Sie lieber?

Kinder sind Menschen ohne Hemmungen. Sie sind immer in Bewegung und nehmen ständig in sich auf, was um sie herum läuft und reagieren darauf. Erwachsenereagieren oft «systematisch», halten sich an Regeln fest und neigen mehr dazu, ihre Emotionen zurückzuhalten. Ich brauche den Umgang mit beiden Gruppen, so wie ich auch verschiedenartige Musik zum Spielen brauche; das hält mich frisch und immerfort neugierig.

Sie reisen viel - rund um die ganze Welt. Kommen Menschen aus andern Kulturen anders auf Sie zu als wir WesteuropäerInnen, die Sie oft zuallererst mit der Frage bombardieren: «Wie kann jemand Musikerin sein, der nichts hört?"», – somit statt Ihre Musik Ihre Behinderung in den Vordergrund rücken?

Behinderte Menschen werden auf dieser Welt ganz unterschiedlich behandelt. Im Westen sind wir verhältnismässig offen Behinderungen gegenüber, auch wennnoch riesige Schritte zum besseren Verständnis untereinander unternommen werden müssen. Im Fernen Osten, vor allem in Japan, werden gehörbehinderte Menschen oft mit «taub/sprachlos und dumm» gleich gesetzt. Für uns WesteuropäerInnen ist das beleidigend. Wir müssen offen bleiben. Alles was ich tue, ist Musik machen und dies ist es, wofür ich engagiert bin. Es ist deshalb wichtig für die Zuhörerinnen und Zuhörer zu verstehen, dass sie die Musik einer Musikerin hören und erleben - und nicht die einer tauben Musikerin.

Sie haben viele verschiedenartige CDs aufgenommen. Sie spielen solo, zusammen mit kleinen Formationen, als Solistin mit grossartigen Brass Bands wie der Black Dyke Band oder mit berühmten Symphonieorchestern. Sie beherrschen alle Stilrichtungen. Welche Art von Musik spielen Sie am liebsten und worin besteht für Sie der Unterschied im Spiel und in der Arbeit mit den verschiedenen Formationen zusammen?

Ich liebe die unterschiedlichen Musikrichtungen. Meine Spezialität ist Solo-Schlagzeug. Ich bin nach wie vor die einzige Vollzeit-Soloperkussionistin dieser Welt. Ich trete aber auch gerne in Konzerten mit Orchestern zusammen auf. Jedesmal wenn ich meine Schlägel in die Hand nehme, muss ich mich konzentrieren und meine Vorstellungskraft spielen lassen; das ist immer gleich, egal in welcher musikalischen Zusammensetzung ich spiele.

Was würden Sie dazu sagen, wenn Sie jemand mit Ludwig van Beethoven vergleichen würde?

Welch' ein Kompliment! Beethoven ist eine meiner musikalischen Inspirationen - wegen der Musik, die er schrieb und der Emotionen, die sie auslöst. Persönlich beginne ich alle innerlichen Zustände zu verstehen, die man als gehörlose Person erfährt, welche aber nie in Worte ausgedrückt werden können. Der innere Aufruhr kann manchmal beängstigend sein, aber zumindest habe ich, resp. hatte Beethoven die Werkzeuge, um diese Emotionen frei zu setzen; ich beispielsweise meine Instrumente, die Schlaghölzer usw.

Sie sind in einer privilegierten Lage; nicht allen gehörbehinderten Menschen ist es möglich, ihren Traumberuf auszuüben und ein so integriertes Leben zu führen, wie Sie es tun. Ist Ihnen die Integration Behinderter ein Anliegen?

Integration ist ein Schlüsselwort. Sie ist nötig, ich kann dies nicht oft genug sagen. Wir haben alle irgendwelche Behinderungen, wir alle haben schlechte Gewohnheiten. Wir entwickeln fortwährend die Kunst des flexiblen Zusammenlebens. Wir müssen Anstrengungen unternehmen und versuchen, einander zu verstehen. Letzten Endes leben wir nur einmal und haben nur einmal die Chance dazu.

Sie sind eine sehr aktive, viel beschäftigte Frau, die täglich mit Menschen zu tun hat. Worüber freuen Sie sich am meisten und was ärgert Sie besonders?

Ich halte die Zusammenarbeit mit Menschen und das Arbeiten, bei dem ich auf mich selbst gestellt bin, gerne im Gleichgewicht. Deshalb finde ich das Musizieren gut. Man kann sie privat, in einer kleinen Gruppe oder vor Tausenden spielen. Ich bin eine «Worcaholic» und so setzte ich voraus, dass es jedermann sonst auch ist!
Das macht es manchmal schwierig für die Leute um mich herum, weil ich so viel von ihnen erwarte. Wie auch immer, ich verabscheue Faulheit, Unverbindlichkeit und das Fehlen von Initiative oder Vorstellungskraft. Meine ganze Welt gründet auf Vorstellungskraft und nicht auf der Anzahl Stunden, wo ich übe.

Welche Botschaft geben Sie unseren Jugendlichen mit auf den Lebensweg?

Entdecke, sei vorbereitet auf das Nicht-Vorbereitet-Sein, sei offen gegenüber allem rund um dich herum und nutze jeden Tag, um deinen Geist und Körper zu stählen. Es ist Platz für alle und wir werden alle gebraucht auf dieser Erde; wir haben nur den Samen zu finden, der uns zum Leben erweckt.


Herzlichen Dank, Evelyn, für Ihr Gespräch und weiterhin viel Befriedigung und Erfolg bei Ihrer Arbeit.


Interview: Christine Fischer

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